default_mobilelogo
BAU DER DINGE

Unter dem ersten Eindruck der Zeichnungen von Norbert Eberle war er im Stillen für mich der Konstrukteur, der Forscher. Auch wenn eine Form sich in entschiedener Kontur verdeutlicht, wird doch ein fremder, zunächst unbegreiflicher Zusammenhang anschaulich. Im Zeichenprozess mit Stift und Radiergummi führt dies zu ungekannten Formen, die Norbert Eberle weiterführen oder die er zu fassen sucht. Bei diesem Wegnehmen und Hinzutun geht es immer um Balancen. Er hat meist keine Themen, wenn er anfängt. Seine Vorgaben sind oft geringfügigster Natur wie Tonigkeit und Beschaffenheit des Papiers. Jede Form ist ihm wichtig, von jeder lernt er. Es gibt eine Zeichnung, die ich eng mit der Haltung in Verbindung bringe, aus der Norbert Eberles Bilder und Zeichnungen entstehen. Es ist eine nach innen gewandte, gleichsam hörende Haltung. Wie ein Ohr oder ein Gehörgang, aber auch Schlange, die wie eine Schulter in einen geneigten Kopf mündet. In der Bauchregion bildet die Schlange/Nabelschnur/Lippe einen Rahmen wie für ein Fenster oder Schlund. Norbert Eberles Interesse, sein eigentliches Thema, ist die Substanz, die Beschaffenheit und der innere Bau dessen, was ihm vor Augen liegt. Hieraus entstehen Stoff und Themen seiner Bilder. Wie Stilleben wirken viele. Manchmal geschieht das auf scheinbaren Umwegen. Das Betrachten einer Landschaft im Mondlicht führt zu langzeitbelichteten Fotos und zu Radierungen. Deren Übermalungen führen zu Gemälden. Charakteristisch für diese Gemälde, wie überhaupt für Norbert Eberles Bilder und Zeichnungen ist etwas, das ich als Stimmung oder Vibrieren, auch Transparenz und Zartheit beschreiben möchte. Reich an farbigen und tonigen Valeurs, muten sie an, als würden sie etwas über den innersten Bau der Welt und ihrer Wesen mitteilen.

Peter Pinnau

Anlässlich der Ausstellung Landschaft und Erinnerung in der Rathausgalerie der Landeshauptstadt München im Februar 2004